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G. sp. Tocantins/Araguaia (Orange Head)!

UPD: 01.03.09



Autor & Copyright: Dr. Jörg Albering (A 00 7682), Bericht aus "DCG-Info 31(5) 2000" Seite 89-97 DCG

Ein neuer (?) Erdfresser Geophagus spec. "orange head" aus dem Rio Araguaia

Der erste Eindruck, den ich hatte, als ich Geophagus spec. "orange head" aus dem Rio Araguaia zum ersten Mal sah war: "Unglaublich! Das ist einer der schönsten Geophagen, den ich je gesehen habe. Eine wahre Orgie in Orange und Türkis!"

Mit etwas Glück und Überredungskunst konnte ich von Thomas Weidner auf Umwegen über einen Aquarienfreund aus Wels und Markus Russegger, - bei dem diese Geophagen auch zum ersten Mal ablaichten -, vier Tiere dieser Art erhalten. Sie bezogen bei mir ein 500 l - Becken der Grundfläche 200 x 50 cm2, dessen Einrichtung aus einer Vielzahl von Wurzel-Hölzern und einigen flachen Kieseln bzw. Schieferplatten bestand. Als Bodengrund verwende ich für Geophagen-Becken bevorzugt eine 2:1 Mischung aus feinem Flußsand und Kies der Körnung 1-2 mm. In dieser Umgebung fühlten sich die Neuankömmlinge nach einer Eingewöhnungszeit von einigen Tagen schon recht wohl und zeigten ihre ganze Farbenpracht. Das wohl hervorstechendste Merkmal dieser Erdfresser ist die intensive orange Kopffärbung, die sich vom Ansatz der Dorsale über das Auge bis zum Mundwinkel erstreckt. Während der Brutpflege verstärkt sich die Farbe noch ein wenig - die Region unterhalb des Auges vom Mundwinkel bis hin zum meistens nur in Erregung sichtbaren Präopercularstreifens weist dann deutlich gelb-orange Farbtöne auf. Einen schönen Kontrast dazu bildet der türkise Streifen, der sich vom Mundwinkel bis zum Präopercularstreifen erstreckt. Die Lippen weisen den selben Farbton auf. Unter den Augen findet sich bei einigen Exemplaren ein bläulich bis türkiser, kurzer Strich oder länglicher Punkt. Die Grundfarbe des Körpers ist ein helles Beige, unterhalb der Seitenlinie erstrecken sich Reihen dottergelber und blau-grün irisierender Punkte vom Ansatz der Pectoralen bis zum Schwanzansatz. Oberhalb der Seitenlinie wirkt der Körper wie überzuckert mit, je nach Lichteinfall, hellgrün bis türkis irisierenden kleinen Punkten. In der Körpermitte liegt ein relativ großer schwarzer Fleck, der um so intensiver gefärbt erscheint, je erregter die Tiere sind. Sehr auffällig sind auch die vier Reihen vertikaler Doppelstreifen, die ebenfalls je nach Stimmung der Tiere mehr oder weniger intensiv hervortreten. Ein weiterer nur schwach erkennbarer, einzelner, vertikaler Streifen verläuft vom Ansatz der Pectorale vom Ansatz der Dorsale. Die Zeichnung der Ventrale, Anale und Caudale besteht im wesentlichen aus alternierenden roten und blauen bzw. türkisfarbenen Streifen. Ein weiteres sehr auffälliges Merkmal ist die intensiv orange Färbung der Enden der Hartstrahlen in der Dorsale. Diese Zeichnung beginnt bei dem fünften Hartstrahl und setzt sich in den weichstrahligen Teil der Dorsale fort, dort allerdings ist der Streifen wesentlich schmaler. Dieser orange Flossenrand erscheint unwirklich intensiv - fast so, als wäre er mit einem Leuchtstift nachträglich aufgemalt.

Die Körperform dieser Geophagus "orange head" ist eher hochrückig und kurzschnäuzig. Vor allem die Männchen entwickeln im Laufe der Zeit einen regelrechten "Fetthöcker", ähnlich Geophagus proximus oder Geophagus spec. "Rio Negro". Die Gesamtlänge meiner Tiere beträgt mittlerweile 14-16 cm, es scheint aber, als seien damit noch nicht die "Grenzen des Wachstums" erreicht.

Zum genauen Fundort der Geophagus spec. "orange head" kann ich leider keine Angaben machen. Der Weg der Tiere war nur bis zu einem Berliner (?) Aquarianer zurückzuverfolgen, von dem Thomas Weidner sie mit der Angabe, es handele sich um Tiere aus dem Rio Araguaia, erhielt; an den Kollegen aus Wels weitergab (wie fast immer: aus Platzmangel); der wiederum verkaufte sie an Markus R. aus Graz und von ihm gelangten sie nach einigen Wochen (nach langen und zähen Verhandlungen!) endlich zu mir. Wenn jemand unter den Lesern die Tiere wiedererkennt (oder der ursprüngliche Besitzer sich melden könnte) um mir Hinweise über den genauen Fundort oder zumindest den Importeur zu geben, wäre ich sehr dankbar. Bis dahin werde ich sie auch weiterhin als G. spec. "orange head Rio Araguaia" bezeichnen.

Stawikowski beschrieb in der März-Ausgabe 1999 der DCG-Informationen einige Erdfresser-Arten aus dem Rio Araguaia und dem Rio Tocantins, die zum Teil einige morphoplogische Ähnlichkeiten mit den hier vorgestellten Tieren aufweisen. Eine weitere sehr ähnliche Art - Geophagus spec. red head "Rio Tapajós" - stammt zwar aus einem anderen Flußsystem scheint aber, zumindest anhand der Färbung und der Körperform, ebenfalls nahe verwandt zu sein. Auch Geophagus spec. "Rio Tocantins" weist eine sehr ähnliche Streifenzeichnung und Musterung der Beflossung auf und könnte eine Schwesterart darstellen. Es fehlen allerdings nach meinen Erfahrungen mit dieser Art die intensiven gelb-orangen Farbtöne in der Kopfregion und der leuchtend orange Streifen am Rand der Dorsale. Die letztgenannten Merkmale sind eher bei dem von Stawikowski beschriebenen Tier aus dem Unterlauf des Rio Araguaia zu finden. Diese Art unterscheidet sich jedoch stark sowohl im Habitus - sie ist deutlich gestreckter und spitzköpfiger als die hier angehandelten Geophagus spec. "orange head" - als auch im Zeichnungsmuster der Anale und Caudale. Die Art aus dem Unterlauf des Rio Araguaia weist eindeutig deutlich voneinander abgesetzte Reihen blau irisierender Flecken in den genannten unpaaren Flossen auf. Leider wird man wohl aufgrund fehlender Informationen über den genauen Fundort der hier beschriebenen Geophagen abwarten müssen, bis wieder einmal Tiere der neuen Variante importiert werden, um einen näheren Vergleich und eine hoffentlich dann mögliche geographische Abgrenzung vornehmen zu können. Besonders interessant wäre es natürlich auch, zu untersuchen, ob es Fundorte von Geophagen zwischen Rio Araguaia und Rio Tapajós gibt, in denen Tiere vorkommen, die mit sowohl Geophagus spec. "orange head Rio Araguaia" als auch mit Geophagus spec. "Rio Tapajós" verwandt sind. Man darf jedenfalls gespannt sein, was Tapajós, Xingu, Araguaia und Tocantins noch an Geophagus-Überraschungen in Zukunft für uns bereithalten. Eine echte Bereicherung - sowohl in wissenschaftlicher als auch in rein ästhetischer Hinsicht - wird es wohl auf alle Fälle sein.

Die vier Geophagus spec. "orange head" Rio Araguaia teilen sich bei mir ein Becken mit sieben annähernd gleichgroßen Geophagus spec. "Rio Negro", einem Paar Satanoperca pappaterra und 1,2 Guianacara spec. "Orinoco". Das Becken ist relativ unübersichtlich eingerichtet, was zwar bei Fangversuchen mehr als problematisch ist, sich jedoch als unumgänglich herausgestellt, hat als vor kurzem zwei Paare der G. spec. Rio Negro, ein Paar der G. spec "orange head" und das Guianacara-Paar nahezu zeitgleich gelaicht haben und dementsprechend viel Streß im Becken herrschte. Besonders zur Fütterungszeit herrschte in diesen Tagen ein kaum beschreibliches Chaos, in dem sich erstaunlicherweise die mit 9-11 cm Gesamtlänge noch relativ kleinen Guianacara als die wahren Herrscher entpuppten und durch die heftigen Attacken auf alles, was sich bewegte und in der Nähe des Laichhöhle anzutreffen war, zeigten, daß Größe nicht alles ist! Aber selbst in diesem wilden Durcheinander konnten einige Geophagus-Junge und viele kleine Guianacaras ausreichend wachsen, um dem Status als Lebendfutter zu entgehen. Die fast überreichlich vorhandenen Hölzer sorgten für ausreichende Versteckmöglichkeiten und kleinere, leicht zu verteidigende Reviere, in denen immer auch einmal wieder die Jungtiere der Geophagen zur Futteraufnahme entlassen werden konnten.

In diesem Becken führe ich einen wöchentlichen Wasserwechsel von 70-80 % mit Leitungswasser durch; die Wassertemperatur beträgt zwischen 27-28 °C. Die Filterung erfolgt ausschließlich mechanisch durch ein kräftiges Innenfilter. Die Ernährung der Tiere erfolgt durch diverse Mückenlarven, Mysis, Krill, Artemia, Riccia-Polster, Salat, Flockenfutter und zerstoßene Sticks. Die Wasserwerte (GH 16-17 °dH, KH 9-10 °dH, pH 7.04, Nitrat 20-25 ppm, Nitrit n.n., Schwermetalle im ppB-Bereich) scheinen zwar nicht besonders geeignet für die Haltung von Geophagus-Wildfängen, bislang gab es allerdings weder Probleme wegen Laichverpilzung noch Ausfälle durch Stoffwechselstörungen oder Mangelerscheinungen. Im Laufe von 1-2 Tagen nach jedem Wasserwechsel senkt sich der pH-Wert leicht auf ca. 6,85 (wg. der vielen Wurzeln und der durch sie freigesetzten Huminsäuren). Im Laufe der Woche zwischen den Wasserwechseln nimmt das Wasser eine leichte Bernsteinfarbe an und der Anteil oxidierbarer, organischer Substanzen nimmt stark zu (zu annähernd gleichen Teilen auf den Fischbesatz und auf die Anwesenheit von Holz zurückzuführen, - ich habe interessehalber einmal den Permanganat-Verbrauch des Wassers in einem unbesetzten bzw. besetzten Beckens nach jeweils einer Woche bestimmt).

Die Gruppe der vier Geophagus spec. "orange head" besteht aus zwei Paaren, die bislang keine Tendenz zum Partnertausch zeigen. Die jeweiligen Partner der beiden Paare stehen häufig nahe zusammen, ein Treiben der Männchen, die bereits paarungswillig sind und "ihr" Weibchen bedrängen kommt nur sehr selten vor. Meistens endet eine solche Eskapade dann mit einem kleinen Stoß in die Flanke des Weibchens, welches wiederum mit einem leichten Abspreizen der Kiemendeckel und angedeutetes Lateralimponieren antwortet. Ganz anders ist das Verhalten gegenüber den Tieren des jeweiligen anderen Paares und der Geophagus spec. "Rio Negro". Hier kann es auch schon einmal zu deutlich akzentuierteren Auseinandersetzungen kommen. Die kurzen, aber meistens beindruckend heftigen Streitigkeiten sind jedoch auch rasch wieder beigelegt. Der Gründe sind in Normalfall gewisse "Meinungsverschiedenheiten" über die Reviergröße und die besten Stellen, um den Sand nach Futter durchzukauen. Meistens geben die Geophagus spec. "Rio Negro" bei solchen Kämpfen als erste auf - obwohl sie leichte Größenvorteile besitzen. Zumindest beim Nahrungserwerb sind sie wesentlich weniger auf das "Erdfressen" fixiert, sondern nehmen auch gerne Futter direkt von der Wasseroberfläche. Sogar kleine Insekten, die im Laufe des vergangenen Sommer immer wieder mal den für sie verhängnisvollen Eingang durch die Öffnungen der Abdeckung gefunden hatten, standen auf dem Speisezettel der "Rio Negro"-Erdfresser. Ein derartiges Verhalten konnte ich bei den G. spec. "orange head" niemals beobachten. Diese Art scheint ihre Nahrung eher aus dem Bodengrund herauszukauen, oder zumindest in Bodennähe zu suchen.

Balz von Geophagus sp. Tocantins/Araguaia Orange Head

Zur Fortpflanzung suchen die Geophagus spec. "orange head" - übrigens ganz im Gegensatz zu den Geophagus spec. "Rio Negro" - offenbar die Nähe der Artgenossen, - gelaicht wird meistens in direkter Nachbarschaft, aber dennoch in einem respektvollen Minimalabstand von ca. 30 cm zum Revier der "Konkurrenz", obwohl das Becken wesentlich mehr und weiter voneinander entfernt liegende Laichplätze aufweist. Ich habe leider keine Informationen darüber, wie lange das Werben gedauert hat, bevor die Tiere dauerhaft zu Paaren zueinander gefunden haben. Nachdem nun die Tiere jeweils mindestens 7-8 mal miteinander gelaicht haben, findet kaum noch eine Balz statt. Das Ritual beschränkt sich meistens auf leichtes Imponieren, - sowohl laterales als auch frontales Imponiergehabe. Hierzu werden die Kiemendeckel etwas gespreizt und die orange gefärbten Kiemenfalten werden deutlich sichtbar. Beide Partner stehen einander abwechselnd parallel - d.h. Kopf an Kopf - und gegenläufig - Kopf an Schwanz - gegenüber und versuchen durch Schlagen mit der Caudale "Eindruck zu schinden". Das Bevorstehen des Laich nächsten Laichaktes kann man am besten an den 2-3 Tage vorher eigentlichen Laichabgabe hervortretenden Genitalpapillen erkennen. Die Genitalpapille der Weibchen ist ca. 3 mm dick und 8 mm lang, die der Männchen mit ca. 1,5 mm Dicke und einer Länge von 6-7 mm deutlich kleiner. Die Weibchen sind nun auch deutlich an dem fülligeren Bauchprofil zu erkennen. Beide Partner beteiligen sich am intensiven Putzen des bevorzugten Laichsubstrates. Zum gleichen Zeitpunkt werden die Tiere zunehmend territorial und vertreiben Störenfriede durch Lateraldrohen, Abspreizen der Kiemendeckel, Schwanzschläge und als letztes Mittel durch Bisse in die Flanke des Gegners. Hierbei ist das Männchen wesentlich aktiver als das Weibchen. Während dieser Zeit werden auch immer wieder kleine Gruben ausgehoben, bevorzugt in direkter Nachbarschaft zum Laichsubstrat. Ich habe auch wiederholt versucht, transportable Substrate in Form großer Blätter anzubieten, die allerdings in keinem Fall angenommen wurden. Interessant ist, das zumindest ein Paar eine regelrechte Affinität zu einem bestimmten Stein (flacher, roter Granit) entwickelt hat. Entfernt man dieses Substrat und legt an seine Stelle einen anderen Stein (z.B. ein Stück Schiefer oder ein ähnlich gefärbtes und geformtes Stück Granit, wird dieses nicht mehr als Laichplatz akzeptiert und das Paar sucht den "Lieblingsstein" und beginnt erneut mit dem Anlegen von Gruben an dem neuen Standort. Bei dem zweiten Paar habe ich dieses Verhalten nicht beobachten können. Gelaicht wurde bislang von beiden Paaren stets zwischen 16-18 Uhr am späten Nachmittag. Männchen und Weibchen gleiten meistens im Uhrzeigersinn nacheinander über das Substrat und geben Eier (ca. 6-8 Stück pro Durchgang) und Sperma ab. Die Gelege, bestehend aus 250-350 Eiern, sind im Normalfall von regelmäßiger, runder Form und wirken sehr akkurat angelegt. Die Entwicklung des Laiches dauert dann ca. 36-38 h bei 27 °C Wassertemperatur. Beide Paare decken das Gelege direkt nach dem Laichakt mit ein wenig Sand zu, so daß die Eier manchmal nur noch schwer zu erkennen sind. Kurz vor dem Schlupf wird der Sand dann wieder durch lebhaftes Befächeln entfernt. Der Laich weist nur eine geringe Subtrathaftung auf, ebensowenig bleibt der Sand an ihm kleben. (Dieses steht im Gegensatz zu den Beobachtungen, die ich an den Eiern der Geophagus spec. "Rio Negro" machen konnte. Diese Art laicht zum Teil sogar in mehreren Schichten übereinander und bedeckt dann den ganzen "Eierklumpen" mit etwas Sand.) Die Larven der Geophagus spec. "orange head" werden am übernächsten frühen Morgen, kurz nach Einschalten der Beleuchtung von beiden Eltern ins Maul aufgenommen. Die Larven werden dabei aus den Eihüllen durch massierende Bewegungen mit den Lippen regelrecht herausgelutscht. Es handelt sich somit bei dieser Art um einen biparentalen larvophilen Maulbrüter, wie auch die verwandte Art Geophagus spec. "Rio Tapajós". Das Zeichen für die Eltern, mit der Aufnahme zu beginnen, ist sicherlich die heftige Bewegung der lackschwarz pigmentierten Schwänze der Larven. Es dauert im Normalfall ca. 30-40 Minuten (in etwa solange wie auch der Laichprozeß), bis auch die letzte Larve aus ihrer Eihülle gesaugt und im Maul verschwunden ist. Anschließend verbleiben nur noch die leeren Eihüllen am Substrat. Laichverpilzung kam nur bei weniger als 5 % der Eier vor. Im Verlauf der nächsten acht Tage tragen zunächst beide Eltern die Larven und legen sie mehrmals am Tag für kurze Zeit in den schon vorher angelegten Gruben ab. Obwohl dies nicht sehr häufig geschieht, reicht die Zeit doch meistens für die anderen Tiere, die Zahl der Larven rasch zu reduzieren. Vor allem zu den Futterzeiten kommt es oft vor, daß nur ein Elternteil die Larven trägt, während der andere frißt oder das Revier verteidigt. Von den anfangs 300 - 350 Larven bleiben am 9-10ten Tag beim Freischwimmen meistens nur noch 40-50 Jungfische, die sich stets in unmittelbarer Nähe der Elterntiere aufhalten und bei der geringsten Störung wieder in das schützende Maul aufgenommen werden. Dieses Verhalten macht nicht nur die Fütterung im Hälterungsbecken relativ schwierig, sondern auch die Rettung der Jungtiere vor dem meistens unvermeidlichen Schicksal des Gefressenwerdens. In den letzten Tagen vor dem Freischwimmen und in der Zeit danach trägt meistens nur noch ein Elternteil die Brut, während der andere frei ist für die Verteidigung der Brutrevieres oder Nahrung aufnehmen kann. Wenn beide Paare gleichzeitig laichen, kann man auch immer wieder beobachten, daß sich die Tiere gegenseitig die Jungfische stehlen. Das gerade nicht Jungtiere im Maul tragende Elternteil schleicht sich dazu an das benachbarte Paar heran und "erbeutet" in einem schnellen Vorstoß einige Jungfische. Die fremden Jungen werden genauso gepflegt wie die Eigenen und nach einigen Wachwechseln der Elternteile vermischen sich die Adoptiv-Kinder mit dem eigenen Nachwuchs. Da beide Paare ein solches Verhalten aufweisen sind nach einigen Tagen die beiden Jungfischschwärme bunt gemischt. In einem Fall konnte ich sogar ein Männchen der G. spec. "orange head" - das Gelege dieses Paares hatte ich zuvor zum Versuch der künstlichen Aufzucht entfernt - beobachten, wie er die Larven von Geophagus spec. "Rio Negro" entführte und einige Tage wie eigenen Nachwuchs pflegte. Dann allerdings scheint ihn der Hunger übermannt zu haben und er hat die kleinen "Appetithäppchen" verspeist. Dirk Neumann beschrieb in der November-1999-Ausgabe der DCG-Informationen eine ähnliche Art der Jungfisch-Piraterie bei seinen Satanoperca leucosticta . Es scheint also, daß dieses Verhalten bei Geophagen und verwandten Arten desöfteren vorkommt. Inwieweit das gegenseitige Kidnapping eine natürliche Verhaltensweise darstellt und nicht ein durch die beengte Aquarienhaltung geförderten "Fehlverhalten" ist, sei einmal dahingestellt. Andererseits liegen ja auch für mittelamerikanische Cichliden schon recht frühe Berichte über Freilandbeobachtungen (so z.B. der Rewiew-Artikel von Ufermann und Weber in der DCG-Information 11(6) aus dem Jahr 1980) darüber Auskunft, daß Kidnapping z.B. bei Amphilophus citrinellum vorkommt, in dessen Jungfischschwärmen unter anderem auch "Cichlasoma" longimanus, Hypsophrys nicaraguense und Neetroplus nematopus gefunden wurden. Möglicherweise stellt das gegenseitige Entführen von Jungtieren eine der vielen natürlichen Verhaltensvarianten dar, die aber nur unter bestimmten äußeren Umständen auftreten.

Um die Larvenentwicklung besser verfolgen zu können, als das bei der Pflege der Jungtiere durch die Eltern der Fall sein kann, habe ich in einem Fall den Laich samt Substrat entfernt und in ein 50 l Becken mit starker Durchlüftung und einem luftbetriebenen Schaumstoff-Filter überführt. Nachdem fast alle Larven das Zeichen zum "Herauslutschen" gegeben hatten, indem sie lebhaft mit ihren Schwänzen wedeln, konnte ich die Larven durch vorsichtiges Schwenken des Substrates aus den Eihüllen befreien. Dies erschein mir schonender, als mit einem Pinsel o.ä. darüberzustreichen. In diesem Stadium bestehen die Larven nur aus dem stark pigmentierten Schwanz und einem hellgelben eiförmigen Korpus. Die Larven wedeln auch nach dem Schlupf weiter intensiv mit dem Schwanz. Interessanterweise bildeten sich am Boden des Beckens kleine Inseln aus Larven, die annähernd synchron mit den Schwänzen schlugen. An ca. 15-20 Larven haften noch Reste der Eihülle, die ich leider nicht - wie die Eltern durch ständiges "Kauen" und Umschichten im Maul - vollständig entfernen konnte. Diese Larven wurden durch Absaugen entfernt und zu Futter umfunktioniert. Nach ca. 42 h ist eine deutlich Ausbuchtung an dem eiförmigen Grundkörper direkt gegenüber dem Schwanzansatz zu erkennen. Hier beginnt die Ausbildung des Kopfes, - der Schwanz wedelt weiter lebhaft und ist immer noch stark pigmentiert. Nach 76 h ist ein deutliches Längenwachstum des Schwanzes zu erkennen und am Kopf bilden sich langsam die Ansätze der Augen. Nach 90 h sieht man, daß sich die Pigmentierung über den Schwanz verteilt und dadurch etwas heller wird. Nach 96 h ist der Mund zu erkennen, die Augen sind ebenfalls weiterentwickelt und jetzt sehr gut als dunkle Punkte am Kopf auszumachen. Nach 114 h sind die Ansätze zu Entwicklung der Caudale zu sehen. Eine leichte dunkle Verfärbung oberhalb des Dottersackes deutet auf die Entwicklung der inneren Organe hin. Nach 162 h sind Larven schon recht lebhaft und schwimmen hin und wieder kurz auf. Der Dottersack ist zu diesem Zeitpunkt aber immer noch vorhanden. Eine erste Nahrungsaufnahme (entkapsulierte Artemia) konnte ich ca. 180 h nach dem Schlupf beobachten. Die Jungfische zeigen nun ein ausgeprägtes Schwarmverhalten und schwimmen immer im dichten Verband im Aufzuchtbecken umher. Sie weiden nun - wie ein Herde Kühe - die am Boden liegenden entkapsulierten Artemien ab. Mit dem Freischwimmen maßen sie ca. 5 mm, schon innerhalb der ersten Woche legen sie aber gewaltig an Größe zu und messen nach nur sieben Tagen schon mehr als 1 cm. In dem Aufzuchtbecken wurde 2 x täglich jeweils ca. 30-50 % des Wasser gewechselt und kurz danach frisches Futter gegeben. Nach insgesamt zehn Tagen sind die ca. 250 Jungfische in ein 120 l Aufzuchtbecken umgezogen. Während der nächsten Wochen habe ich weiter mit entkapsulierten Artemia und fein zermahlenen Sticks bzw. Flocken gefüttert. Zusätzlich gab es noch Bosmiden, Cyclops und adulte Artemia. Zwanzig Tage nach dem Freischwimmen maßen die Kleinen schon 15-17 mm. Drei Monate nach dem Freischwimmen weisen die Jungfische bereits eine Gesamtlänge von 30-50 mm auf und fressen neben ausgewachsenen Artemia, liebend gerne Mückenlarven, Krill und Mysis. Als Zusatzfutter erhalten sie auch weiterhin zerstoßene Sticks und zerriebene Flocken. Mittlerweile bewohnen sie ein 375 l Becken und sind stets hungrig, auch wenn der kleine Bauch schon fast platzt. Die kleinste Bewegung vor dem Becken reicht und sie stürzen an die Oberfläche und erwarten Futter.

Balz von Geophagus sp. Tocantins/Araguaia Orange Head

Noch eine kurze Anmerkung zum Thema "künstliche Aufzucht": ich bin der Meinung, daß man die Eltern zumindest bis einige Tage nach dem Freischwimmen selbst pflegen lassen sollte. Einerseits sind die echten Eltern mit Sicherheit bessere "Pfleger" als man es selber sein kann und andererseits betrügt man sich um den faszinierenden Anblick eines brutpflegenden Paares. Die hier beschriebene künstliche Aufzucht diente in erster Linie der Beobachtung der Larvenentwicklung. Erst wenn nach mehreren Versuchen die Tiere nicht "ordnungsgemäß" pflegen, sollte man meiner Meinung nach daran denken, um der Vermehrung einer seltenen Art willen, den Laich "künstlich" aufzuziehen. Im Fall der Geophagus spec. "orange head" erwies sich in parallelen Aufzuchtversuchen glücklicherweise, daß sich sowohl "normal" durch die Eltern als auch künstlich aufgezogene Jungtiere gut entwickeln. (Leider kann ich dieses nicht im Fall der Geophagus spec. "Rio Negro" berichten. Die künstlich aufgezogenen Tiere wiesen in vielen Fällen verkümmerte Flossen und verkürzte Kiemendeckel auf, so daß die Aufzucht der Jungen zumindest während der ersten Tage eher der richtigen Eltern überlassen werden sollte.)

Bereits vier Wochen nach dem Freischwimmen zeigte die Dorsale der Jungtiere der G. spec. "orange head" eine deutliche rosa-orange Färbung, die sich bis heute zu einem breiten Streifen weiterentwickelt hat. Mittlerweile ist auch schon eine Andeutung des orangen Flossensaumes in der Dorsale zu erkennen. Die Grundfarbe des Körpers ist ein orange-gelb, mit einem zeitweilig schon deutlich sichtbaren Seitenpunkt. Die Streifen-Zeichnung der unpaaren Flossen beginnt mit ca. 10 Wochen sichtbar zu werden. Auch im Alter von drei Monaten funktioniert der Schwarmzusammenhalt immer noch hervorragend, - nie sieht man einzelne Tiere, sondern stets bewegt sich der Schwarm als Einheit. Im Schwarm sind die Seitenflecken der Tiere nur andeutungsweise zu erkennen, stattdessen tritt eine verwaschene Längsbinde auf. Isoliert man einige der Tiere so ändert sich ihre Körper-Zeichnung, - werden sie in einem kleinen Trupp von 5-10 Tieren in einem separaten Becken aufgezogen werden, ist schon nach ca. 7 Wochen der schwarze Seitenfleck sehr prägnant vorhanden und fast stets zu sehen. Man mag jetzt darüber spekulieren, ob das Fehlen des Mittel-Fleckes - und somit auch ein Fehlen von individuellen Zeichnungs-merkmalen - bei Jungtieren in großen Schwärmen ein Schutz vor Räubern sein kann. Um diese Frage beantworten zu können, sind allerdings wohl eher Freilandbeobachungen notwendig, die meines Wissen für diese Art noch nicht vorliegen.

Ich kann Geophagus spec. "orange head" eigentlich nur jedem "Südamerika-Freak" ans Herz legen. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Tiere zu halten, sie sind eine echte Zierde in jedem Geophagus-Becken und belohnen durch ihre umkomplizierte Haltung und ihr faszinierendes Brutpflegeverhalten. Außerdem, - je mehr gesicherte Erkenntnisse wir über die Arten aus dieser wunderschönen Geophagen-Gruppe gewinnen können, um so besser wird die Einordnung und die Klärung der Verwandschaftsverhältnisse der diversen verwandten Geophagus-Arten aus dem Rio Tapajós, Rio Xingu, Rio Tocantins und dem Rio Araguaia gelingen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was die Gattung Geophagus uns sonst noch zu bieten hat.

Literatur:

  • Stawikowski, R. (1999): "Erdfresser aus dem Rio Tocantins und dem Rio Araguaia". DCG.Informn. 30(3): 56-59.
  • Stawikowski, R. (1998): "Geophagus sp. "Tapajós". DCG-Informn. 29 (3): 41-48.
  • Neumann, D. (1999): "Satanoperca leucosticta". DCG-Infomn. 30 (11): 201-208.
  • Ufermann, A, Weber, B (1980): "Aus der Cichlidensystematik - die Gattungsgruppe (Tribus) Cichlasomini n.n.". DCG-Informn. 11(6): 101-103

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Autor & Copyright: Dr. Jörg Albering (A 00 7682), Bericht aus "DCG-Info 31(5) 2000" Seite 89-97 DCG

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